FRIEDER HOFMANN I POSITIONEN I PUBLIKATIONEN I PROJEKTE

Die verhinderte Öko-Siedlung 

Auszug aus: F. Hofmann "Die Besten in den Osten" - Erinnerungen 2002-13 / 
F. Hofmann 2017

In einer hinteren Ecke meines Firmenarchivs steht ein Ordner mit der Aufschrift „Siedlung der Zukunft“. Da die deutsche Gesetzlichkeit eine Aufbewahrung von Firmenunterlagen über einen Zeitraum von zehn Jahren verlangt, wird der Ordner bis 2022 stehen bleiben und mich an einen gescheiterten Versuch erinnern, im Jahr 2008 in Leipzig eine Wohnsiedlung nach ökologischen Rahmenbedingungen zu errichten. 
Der Name des Ortes „Monarchenhügel“ im Leipziger Süden ist allerdings viel älter und entstand nach der Völkerschlacht 1813, als die Monarchen der verbündeten Staaten Preußen, Russland und Österreich zusammentrafen, um das Vorgehen ihrer Truppen gegen die Armee Napoleons abzustimmen. Später errichtete man an dieser Stelle nicht nur ein Denkmal des hoheitlichen Treffens, sondern auch ein Gasthaus mit einem Aussichtsturm, von dem man einen schönen Rundblick auf das ehemalige Schlachtfeld und die Leipziger Stadtsilhouette genießen konnte. 

Die Stunde der Optimisten

2008 bat mich ein Leipziger Immobilien-Berater, die Möglichkeiten zu prüfen, ob und wie auf einem Privatgrundstück am „Monarchenhügel“ eine Wohnanlage mit ca. 100 Einfamilienhäusern errichtet werden könne. Er übergab mir einen Ordner mit einer Bauvoranfrage aus dem Jahr 2003, die das Leipziger Stadtplanungsamt damals mit der Begründung abgelehnt hatte, dass eine Siedlung solcher Größe an eine Verkehrsinfrastruktur angebunden sein müsse, die erst mit der Fertigstellung der A 38 im Südraum Leipzigs verfügbar sein würde. Bis dahin solle die Fläche weiterhin als Wohnungsbaustandort geführt und mit der Ausarbeitung des neuen Stadtentwicklungsplanes neu bewertet werden. Dem Grundstückseigentümer hatte man in Aussicht gestellt, das Vorhaben bei einer Neuvorlage wohlwollend zu prüfen, wenn die geplante Bebauung innovativen zukunftsweisenden Grundsätzen folgen würde. 
Inzwischen war diese Frist abgelaufen. Die A 38, die auch unser Planungsgebiet über eine zwischen Leipzig und Liebertwolkwitz gelegene Abfahrt ideal erreichbar machte, war in Betrieb. Mit dem Gedanken einer Öko-Mustersiedlung, so glaubten wir deshalb, könnten wir ein Beispiel für Energieeffizienz und ökologische Stadtentwicklung schaffen und damit die Forderung der Stadt bezüglich Innovation und Zukunftsträchtigkeit zu erfüllen. Mit vieler Mühe hatten wir es geschafft, die Aufmerksamkeit der sächsischen Landesregierung und der Sächsischen Energie-Agentur SAENA für unser Projekt zu gewinnen. Die Prämissen, unter denen das Siedlungsprojekt entstehen sollte, sind auch heute noch einmalig, so dass man von Seiten der SAENA in Erwägung zog, das Vorhaben als Mustersiedlung für Sachsen mit entsprechenden Fördergeldern zu unterstützen:

- Große Grundstücksflächen mit minimaler Flächenversiegelung,
- 2-geschossige Häuser mit individuellen Grundrissen im Passivhaus-Standard,
- Einsatz von Solarthermie und Photovoltaik an den Gebäudeaußenflächen,
- Reduzierung des Individualverkehrs innerhalb der gesamten Wohnanlage,
- Trennung von Fußgänger- und Fahrzeugverkehr; 
- Gemeinschaftseinrichtungen im Zentrum des Viertels.

Stadtverwaltung gegen Öko-Plan

Nun war Liebertwolkwitz, zu dessen Territorium der „Monarchenhügel“ gehört, schon in den „Wilden Wendejahren“ mit großen Wohnungsbauplänen (man sprach von bis zu 700 Wohnungen) an die Öffentlichkeit getreten. Die in den Medien groß angekündigten Investoren hatten jedoch schnell „das Handtuch geworfen“. Seit der Zwangs-Eingemeindung des Leipziger Umlandes (außer Markkleeberg, das seine Eigenständigkeit gegenüber Leipzig behaupten konnte) lag die Planungshoheit nun in Leipziger Hand. Für unser Vorhaben „Monarchenhügel“ entstand daraus ein ungeahntes Hindernis, denn die Stadtverwaltung Leipzig liebäugelte zwar (wohl auch wegen der damit verknüpften Fördermittel des Freistaats) mit der Grundidee unseres Projektes, lehnte den von uns bevorzugten Standort aber prinzipiell ab. Begründung: Die Bebauung widerspräche der Grundlinie der Stadtentwicklung, die den Wohnungsneubau vorrangig auf die innerstädtischen Gebiete orientiere. Außerdem sei der „Monarchenhügel“ nicht bzw. nur schlecht an den städtischen Nahverkehr angebunden.

Mit diesen Argumenten versuchte der damalige Leipziger Baustadtrat Martin zur Nedden von 2008 bis 2012 unser Siedlungsprojekt auf andere im Eigentum der Stadt befindliche innerstädtische Grundstücksflächen „umzulenken“, die nicht nur aus unserer Sicht für eine derartige Öko-Siedlung völlig ungeeignet waren. So bot man uns u.a. Grundstücke neben S-Bahn-Trassen und in der Einflugschneise des Schkeuditzer Flughafens an und begründete das damit, daß die geplanten Passivhäuser durch ihre hohe Wärme- und Schallisolierung ja „schallresistent“ und für die Bebauung solcher Flächen geradezu prädistiniert seien. Das Ende vom Lied: Trotz hartnäckiger Versuche der von uns inzwischen gegründeten ARGE, der Einbeziehung von Rechtsanwälten und der Öffentlichkeit (Beiträge in der LVZ u.a.) gelang es uns nicht, die Stadtverwaltung nur einen Millimeter von ihrer vorgefaßten Meinung abzubringen. Stellvertretend seien hier folgende Aussagen zum Thema genannt (die vollständige Liste unserer Bemühungen umfasst 45 Positionen):

Die SAENA: „Wir sind im Rahmen der Gestaltung innovativer sächsischer Energie- und Klimaschutzpolitik grundsätzlich an der Schaffung solcher Modell- und Demonstrationsprojekte interessiert. Deshalb möchten wir die Realisierung des Vorhabens unterstützen und im Rahmen unserer Möglichkeiten fachlich begleiten und beraten.“ (SAENA v. 31.03.2008)

Die sächsische Landesregierung begrüßte das Projekt, sah sich im Ergebnis der Diskussion aber nicht zuständig, weil „eine Einflussnahme der Staatsregierung auf Entscheidungen der Stadt Leipzig … dem Grundsatz der kommunalen Selbstverwaltung entgegensteht.“ (Sächsisches Ministerium für Wirtschaft und Arbeit v. 04.11.2008)

Die SPD-Fraktion des Stadtparlaments (in Person des Fraktionsvorsitzenden A. Dyck) schrieb an den „Sehr geehrten Herrn Bürgermeister (und) lieben Martin, … Die Arbeitsgemeinschaft zeigt … höchst interessante Ansätze ... Wir können einmal mehr Vordenker sein … Ich möchte deshalb dieses Projekt … aktiv politisch unterstützen. Ich würde mich auch freuen, wenn Deine verantwortlich zeichnenden Mitarbeiter das Projekt in der jetzigen Phase etwas wohlwollender betrachten würden (Schreiben 2008, undatiert).

Der Bürger denkt, doch die Verwaltung lenkt

Nun, der „liebe Martin“ ist dieser Empfehlung nicht gefolgt, denn die wahren Ursachen für diese hartnäckige Haltung der Stadtverwaltung waren offensichtlich ganz andere. Inzwischen hatte die Stadt nämlich schon mit eigenen Kräften und der Unterstützung mehrerer Bauträger die Realisierung eigener Wohnbau-Vorhaben begonnen. Im Hinblick auf das Baugeschehen im Leipziger Süden (über die Hintergründe schwieg sich die Stadt aus) hatte man sich wohl schon anderen privaten Partnern verpflichtet, die man sich mit der Genehmigung eines Konkurrenzvorhabens in unmittelbarer Nähe keinesfalls „verprellen“ wollte. 

Am 20. März 2010 veröffentlichte die „Leipziger Volkszeitung“ die Ankündigung des Bauvorhabens eines etablierten Bauträgers ca. 2 km vom „Monarchenhügel“ entfernt, das die Stadtverwaltung (als Erweiterung eines schon bestehenden Neubauviertels) vorfristig genehmigt hatte und das sich im Hinblick auf die städtebaulichen Parameter nur wenig von unserem Siedlungsprojekt unterschied. Von energetisch und ökologisch zukunftsweisenden Ideen war zwar keine Rede, aber zu den Hintergründen der Entscheidung ließ man „die Katze aus dem Sack“: „Das Areal bildet den südlichen Teilabschnitt des Gebietes, über das seit 1995 eine Vereinbarung zwischen der Stadt und dem privaten Vorhabenträger besteht.“ 
Aha. Dafür also wurde ein zukunftsträchtiges Projekt an die Wand gefahren. Energieeffizienz war wohl kein Thema für eine Stadt, die sich 2011 als Europäische Energie- und Klimaschutzkommune den "European Energy Award“ anheften ließ. Wir waren offensichtlich hingehalten und für dumm verkauft worden. Und die Stadt Leipzig hatte ihren Bürgern wieder die Grenzen der Bürgerbeteiligung aufgezeigt. 

Zu erwähnen wäre noch, dass sich Leipzig inzwischen bemüht, wenigstens EINE Prämisse unseres damaligen Projektes in die Praxis umzusetzen: Für eine Wohnanlage in Bahnhofsnähe plant man, den Autoverkehr grundsätzlich „außen vor“ zu lassen. Das hatten uns die Stadtplaner im Rathaus 2008 noch als „völlig utopisch“ auszureden versucht. Auf geht's … 

Dr.-Ing. Architekt Frieder Hofmann 
gpfhofmann@parus-le.de    

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Aktualisierung: Januar 2024 

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