Die Folgen der "Wende"
Aus: Frieder Hofmann „Die Besten in den Osten“ / Erinnerungen und Anekdoten 2014
1990 konnte ich mir weder eine Wiedervereinigung noch einen Übergang zur Marktwirtschaft vorstellen, sondern vertraute auf die Reformierbarkeit der DDR und damit an ein Fortbestehen des Baukombinates, dem ich angesichts der bevorstehenden riesigen Bauaufgaben eine Schlüsselrolle zuschrieb. Dazu glaubte ich uns in der Offensive, wenn es gelang, das Kombinat auf die neuen, umfangreichen und vielfältigen Aufgaben, besonders im Bereich der Altbausanierung auszurichten.
Andere aus Ost UND West sahen das grundsätzlich ähnlich. Und so erlebte die Leipziger Frühjahrsmesse 1990 einen Ansturm kleiner und mittlerer westdeutscher Firmen, die der DDR-Bauwirtschaft ihre Unterstützung anboten. Die vorhandenen Messehallen reichten für die vielen Aussteller bei weitem nicht aus, so dass die Universität ihr Hauptgebäude am Karl-Marx-Platz (dem heutigen Augustusplatz) als "Messehalle" zur Verfügung stellen musste. Parallel dazu fand auf dem Karl-Marx-Platz eine große Wahlkundgebung der CDU statt, auf der der damalige BRD-Kanzler Kohl als Gast auftrat und seine Ansichten zur zukünftigen politischen Entwicklung der DDR verkündete. Zu gleicher Zeit traf ich einige westdeutsche Aussteller in der Uni, die Kohl ablehnten, weil er ihrer Meinung nach längst abgewirtschaftet hätte, so dass wir im Osten keinesfalls auf ihn hören sollten.
Bekanntermaßen kam es dann anders und das Baukombinat musste sich nicht nur auf die veränderten politischen Bedingungen, sondern auch auf die Konkurrenz der großen westdeutschen Bauunternehmen einstellen. Bevor sich das Blatt endgültig wendete, suchten Ost und West aber Partner. Bei einem dieser Versuche war ich am Rande mit dabei, als Führungskräfte des Baukombinates mit Vertretern des Baukonzerns Bilfinger & Berger zusammentrafen. Das Treffen fand im Gästehaus der DDR-Regierung am Park (in der Schwägrichenstraße) statt, das im Hinblick auf Architektur, Service und Qualität der Bewirtung keinen Vergleich mit Häusern der Interhotel-Klasse scheuen mußte, in den Folgejahren keinen neuen Eigentümer fand und verfiel.
Wir trafen uns mit den Bilfinger & Berger - Leuten in einem der Salons des Hauses und erschienen, wie wir meinten, dem Anlass gemäß in dunklen Anzügen und Krawatten. Wir waren deshalb überrascht, als unsere Verhandlungspartner in Jeans und sportlich-eleganten Pullovern durch die Tür traten. Der Eindruck, den das BKL an diesem Abend hinterließ, schien den Gästen aber gefallen zu haben, denn die Gespräche wurden fortgesetzt. Am Folgetag (meine erste Lektion in Management-Knigge) waren wir locker-flockig in Jeans erschienen und die Bilfinger-Leute hatten sich vornehm „in Schale geschmissen“. Großes Gelächter auf beiden Seiten!
Zu einem weiteren Treffen kam es auf der CONSTRUCTA 1990 in Hannover, doch danach drehte sich der Wind. Der Westen setzte auf Konfrontation statt auf Kooperation und auch Bilfinger & Berger zog sich zurück.
Der verordnete Sprung ins eiskalte Wasser der Privatwirtschaft
Im April 1990 gründete sich aus dem VEB Baukombinat die Erste Baugesellschaft Leipzig AG (EBL). Alles, was nicht zum Kerngeschäft "Bau" gehörte, wurde aus dem ehemaligen Kombinatsverbund ausgegliedert und als GmbH verselbständigt. Auch ich wurde als Chefarchitekt abberufen (kein nach westlichem Muster strukturierter Baukonzern braucht einen Chefarchitekten) und übernahm ein partnerschaftlich geführtes Planungsbüro in der Leipzig-Projekt GmbH, einer der o.g. BKL-Ausgründungen.
Die Leipzig-Projekt GmbH war eins der wenigen von der Treuhand damals zugelassenen Buy-Out-Managements, das durch ältere leitende Mitarbeiter des früheren BKL-Planungsbetriebes als Gesellschafter getragen wurde. Leider musste das Unternehmen so wie auch das „gewendete“ Baukombinat mit einem Negativ-Image starten, weil ihm nach wie vor der Ruf anhaftete, nur „Plattenbau“ zu können. Denn auch wir DDR-Architekten wurden in jenen Tagen von der Westpresse nicht verschont und als „Buhmänner“ der Nation an den Pranger gestellt.
So erschien am 14.6.1991 in der BILD-Zeitung ein Beitrag mit den Fotos meiner Chefarchitekten-Kollegen aus den anderen Baukombinaten und ihren „schmucken (privaten) Häusern“ im Vergleich zu dem, was sie angeblich an Hässlichkeiten für's einfache Ost-Volk geplant hätten. Auch die Neubauten im Leipziger Stadtzentrum vom Ende der 80er Jahre wurden unter der Mitwirkung und dem Beifall hiesiger Plattenbau-Gegner so abqualifiziert (vgl: https://www.parus-le.de/nikolaistrasse-31-leipzig).
Aber die DDR-Hetze der Westmedien beschränkte sich bei weitem nicht nur auf den Wohnungsbau. Als wir 1990 ein Gewandhaus-Konzert besuchten, wurden wir im Foyer von einem Aushang des Gewandhaus-Kapellmeisters Masur und des Architekten Prof. Skoda überrascht, in dem beide Persönlichkeiten Presseberichte dementierten, nach denen im Gewandhaus (so wie auch im Berliner "Palast der Republik") angeblich gesundheitsschädlicher Asbest verbaut worden sein sollte. Ohne den entschiedenen Widerstand Masurs und Skodas hätte das Leipziger Gewandhaus wegen dieser Lüge eventuell das gleiche Schicksal erlitten wie später der "Palast" in Berlin.
In den ersten Nachwende-Jahren, nach einer schmerzhaften „Sanierung“, infolge derer die EBL auf ein Zehntel ihrer Belegschaftsstärke zusammengeschmolzen (worden) war, gelang dem Unternehmen der Nachweis, dass es auch unter neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen in der Lage war, Bauvorhaben „ohne Platte“ konkurrenzfähig vorzubereiten und zu realisieren. So entstanden 1991-93 auf der Basis von Planungen der Leipzig Projekt GmbH u.a. eine Wohnanlage für 175 Eigentumswohnungen in Leubnitz/Sa. und 1991-92 ein Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage in der Innenstadt von Altenburg/Thür.
1993 schloss sich die EBL mit der Thüringer „Ritter Bau GmbH“ zusammen. Als „Ritter Bau“ schließlich trotz aller Anstrengungen aufgeben musste, folgte ihr die EBL 1995 in die Insolvenz. Vorausgegangen war dem Ganzen eine Medien-Kampagne, in der man die EBL-Führung verleumdet und den Vorstand des Unternehmens der Unterschlagung bezichtigt hatte (BILD v. 22.10.1991; STERN 32/1992). Ein Gerichtserfahren gegen den früheren EBL-Vorstandschef Dr. Günter Bellmann und drei weitere Manager musste im Jahr 2001 schließlich ergebnislos eingestellt werden ("Leipziger Volkszeitung" v. 12.01.2001).
Am 04.08.1995 schrieb die Zeitung „Neues Deutschland“ über das Sterben der ostdeutschen Bauunternehmen, ohne auf die wahren Gründe einzugehen:
„Mit dem Konkurs der Erfurter „Ritter Bau GmbH“ und ihres Tochterunternehmens Erste Baugesellschaft Leipzig AG (EBL) hat die Pleitewelle der ostdeutschen Baubranche ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Gingen 1992 insgesamt 97 ostdeutsche Unternehmen in Konkurs, so waren es nach Angaben der IG Bau-Steine-Erden 1994 bereits 720 Betriebe ...“.
Wohnanlage mit 175 Wohnungen in Leubnitz/Sa. Planung: Leipzig-Projekt GmbH / Generalübernehmer Bau: Erste Baugesellschaft Leipzig AG / Niederlassung Wurzen (1991-93)
Wohn- und Geschäftshaus mit Tiefgarage in Altenburg / Planung: Leipzig-Projekt GmbH / Generalübernehmer Bau: Erste Baugesellschaft Leipzig AG / Niederlassung Altenburg (1991-92)