FRIEDER HOFMANN I POSITIONEN I PUBLIKATIONEN I PROJEKTE

Geschichten aus der Leipziger "Nachwende"-Zeit

Aus: Frieder Hofmann „Die Besten in den Osten“ / Erinnerungen und Anekdoten 2014

Wir brauchen in Leipzig und in den neuen Bundesländern Leute, die Geld haben, um es hier zu investieren, weil historisch bedingt nur die wenigsten hier Kapital ansammeln konnten, so dass sie selber ihre Stadt mit eigenem Geld hätten wiederaufbauen können. Aber wir müssen aufpassen, dass vor lauter Investitionen die Identität unserer Stadt nicht verloren geht nach dem Motto: Jetzt wird alles neu. Trotzdem habe ich mich der allgemeinen Kritik an den bösen Investoren (die heißen ja „In-West-Toren“, weil sie aus dem Westen kommen) nicht angeschlossen.“

Aus einem Interview von Peter Guth mit Niels Gormsen, Stadtbaurat in Leipzig von 1991-95 
(Aus: „Leipziger Blätter“ Nr. 26 vom Frühjahr 1995)

Neue Ideen braucht das Land

In den ersten Jahren der 90er wurde Leipzig von Investoren aus dem bundesdeutschen Westen und ihren Planern förmlich überrannt. Für uns Ost-Architekten war das ein ungleiches Rennen – kam doch mit diesen Leuten das große Geld in die Stadt. Und nicht nur das – die „Wessis“, wie man sie schnell nannte, waren top-vorbereitet, denn sie verfügten über Pläne und Luftbilder ihrer Wunsch-Grundstücke und brachten meist auch fertige Planungen "aus der Schublade" mit, die sie an geeigneten Leipziger Standorten ohne großen Aufwand anzupassen hofften. Darüber hinaus waren sie von der Wiege auf mit dem bundesdeutschen Baurecht vertraut, das wir kaum kannten, das nach dem „Vereinigungsfeiertag“ aber auch für uns „Ossis“ Gesetzesgrundlage werden sollte.

Deshalb kämpften wir nicht nur um möglichst lukrative Planungaufträge, sondern bemühten uns auch auch um partnerschaftliche Kontakte zu namhaften westdeutschen Planungsbüros. Andererseits versuchten westdeutsche Unternehmen, die Köpfe hiesiger ostdeutscher Firmen anzuwerben, um im Osten besser Fuß fassen zu können. So wurde auch ich mehrfach von „Headhuntern“ angesprochen und lernte dabei, mich mit dieser mir bisher unbekannten Spezies der marktwirtschaftlichen Realität auseinanderzusetzen. 
In der Folge gründeten sich vielerorts deutsch-deutsche Partnerschaften, die sich später dauerhaft in Leipzig etablierten. Neu war für mich, dass westdeutsche Planungsbüros mit großen Namen (Dorsch, Hentrich, Stosberg) oft bereits in der 3. Generation fortbestehen, wobei der Seniorchef und Bürogründer seine ersten Meriten nicht selten schon im Gefolge des Hitler-Architekten Albert Speer erworben hatte. Bei einer derartigen Konkurrenz gestaltete sich der Neubeginn für die rein ostdeutschen und finanziell schwachen Architekturbüros schwierig. Denn wo die Reise hingehen sollte, hatte der neue Leipziger Baudezernent Lüdke-Dahltrup schon in seiner Antrittsrede vor der Leipziger Architektenschaft postuliert. Auf die Frage eines „eingeborenen“ Kollegen, wie er die Leipziger Architekten am Wiederaufbau der Stadt beteiligen wolle, erwiderte er mit der ihm eigenen Arroganz, dass er für eine Stadtentwicklung mit „internationalem Flair“ einstehen würde.

Es war deshalb überlebenswichtig, möglichst schnell praktikable Planungserfahrungen im Westen zu sammeln. Eine erste Chance bot sich, als der scheidende Chefarchitekt der Stadt Dr. Dietmar Fischer im Herbst 1990 Leipziger Architekten ansprach, die als Partner mehrerer Hannoveraner Planungsbüros am Wettbewerb für ein Mövenpick-Hotel in Leipzig teilnehmen sollten. Dieses Vorhaben hatte mehrere Gründe: Erstens drängte die neue Stadtverwaltung mit dem ehemaligen Hannoveraner Oberstadtdirektor Lehmann-Grube und dem neuen, aus Mannheim zugezogenen Stadtplanungs-Stadtrat Gormsen auf sichtbare Erfolge bei der Stadterneuerung.
Zweitens gab es in Leipzig einen gravierenden Nachholebedarf an Büroflächen und Hotelbetten. Und drittens fand sich mit „Mövenpick“ ein Unternehmen, das sich Leipzig als idealen neuen Geschäftsstandort in den östlichen Bundesländern vorstellen konnte. Mit dieser Zielsetzung wurden zwei Architektenwettbewerbe ausgelobt – einer für einen Bürokomplex in der Klostergasse hinter dem Messeamt am Markt und ein zweiter für ein „Mövenpick“-Hotel im Quartier zwischen Nikolaistraße, Brühl, Halleschem Tor und Richard-Wagner-Straße. Umgesetzt wurde später keiner der Hotel-Entwürfe, weil es „Mövenpick“ nicht gelang, die jüdischen Alteigentümer zum Verkauf ihrer Grundstücke am Brühl zu bewegen. Später übernahm die „Mövenpick“-Gruppe aber den alten „Burgkeller“ am Naschmarkt, der sich bis zum Beginn der Totalsanierung des „Handelshofes“ 2010 bei Jung und Alt als beliebter Treffpunkt halten konnte.
Doch auch ohne „Mövenpick“ war Leipzig in den 90er Jahren – im positiven wie negativen Sinn – zur „Boomtown des Ostens“ geworden. Abgesehen vom sinnentleerten Streit, welche der sächsischen Städte (Leipzig oder Dresden) die meisten Kräne im Stadtbild vorzuweisen hatte, begann 1991 die Diskussion um ein neues Messegelände im Leipziger Norden, das die funktionale Wertigkeit des Stadtzentrums radikal verändern und das Areal der alten Technische Messe am Völkerschlachtdenkmal für lange Jahre als Industriebrache zurücklassen sollte. Auch die historische Industrielandschaft in Leipzig-Plagwitz verwandelte sich für längere Zeit in eine Brachfläche, nachdem die in der DDR unter frühkapitalistischen Bedingungen arbeitenden Textil- und Metall-betriebe pleite gegangen und ganze leer stehende Gebäudekomplexe abgebrochen worden waren.

Wem gehört die Stadt? Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik.

Im Stadtzentrum tobte inzwischen der Kampf um die Immobilien. Explodierende Mieten und m²-Preise führten zu einem Verdrängungswettbewerb, der in vielen Fällen zu Lasten der traditionsreichen mittelständischen Leipziger Gastronomie- und Handelsbetriebe ging. So verschwanden neben dem Cafe „Corso“ das Cafe „Cather“, der langjährige Stammtreff der Leipziger Künstler. Der „Thüringer Hof“ wurde abgerissen und als kompletter Neubau wiedererrichtet. Die seit Urzeiten im „Handelshof“ in der Reichsstraße ansässigen Leipziger Originale „Waffen-Moritz“, „Samen-Koch“ und „Gummi-Klose“ mussten Mode-Boutiquen und sich rasant vermehrenden Schuhläden Platz machen. Ab 1991 kaufte der Immobilienhändler Jürgen Schneider berühmte Leipziger Immobilien auf, so die Mädler-Passage, Barthels Hof und Thiemes Hof in der Querstraße, die er mit erheblichem Aufwand sanieren ließ. Aus heutiger Sicht brachte dieses Engagement zweifellos einen Gewinn für die Leipziger Stadtentwicklung. Dass er bei den Banken den Wert seines zusammengekauften Imperiums mit zum Teil kriminellen Mitteln maßlos übertrieben hatte, führte letztlich zu Schneiders Insolvenz - und zum Ruin vieler kleiner und mittlerer regionaler Subunternehmer. - Auch einer meiner Bauherren bekam die Allmacht der Banken zu spüren und musste trotz aller Bemühungen sein Vorhaben aufgeben, in der Innenstadt ein kleines aber feines Geschäftshaus mit der damals wohl ersten Leipziger Gasthausbrauerei zu bauen (vgl.: https://www.parus-le.de/geschichte-der-magazingasse).

Den Leipziger Bürgern wie auch uns Architekten ging vieles an dieser Entwicklung gegen den Strich, zumal wir uns bei den im Rathaus getroffenen Entscheidungen ständig außen vor gelassen fühlten. Kritische Worte fielen, in der Presse mehrten sich Schlagzeilen wie „Keksrollen des Aufschwungs“ (für die gehäuft auftretenden „Runden Ecken“ der neuen Investoren-Architektur) und „Chance der behutsamen Erneuerung vertan“. Außerdem wurde bekannt, dass mit dem vom Westen betriebenen „Aufbau Ost“ einige dubiose Geschäftemacher in die Stadt gekommen waren (Namen wie Männel und Trabalski machten die Runde), die absahnten, ohne dafür eine adäquate Leistung erbracht zu haben.

Der Kampf um „Specks Hof“

Als 1992 die Bilfinger & Berger Projektentwicklung und die Rendata Immobilien Management GmbH mit RKW Architekten Düsseldorf ihre Pläne zum Umbau von „Specks Hof“ veröffentlichten, war wohl eine Schmerzgrenze erreicht. Für das Projekt, das vorsah, das traditionsreiche Messehaus zu einem Einkaufs- und Geschäftszentrum nach westlichem Vorbild umzubauen, sollten die historischen Passagen abgebrochen werden, um an ihrer Stelle einen großen inneren Lichthof einrichten zu können. Der Leipziger Künstler Heinz-Jürgen Böhme schrieb seinerzeit zu diesem „Präzedenzfall Specks Hof“:

Da die Besitzer offensichtlich weder willens noch in der Lage waren, Sensibilität für den besonderen Charakter des Bauwerks und die Situation der Stadt aufzubringen, visitierten sie sofort und mit kaum zu übertreffender Rigorosität dieses zerstörerische Umnutzungskonzept an, dem die älteste erhaltene Passage Leipzigs zum Opfer fallen sollte: Sanierung der für das Firmenimage vorzüglich geeigneten Außenfassade, dafür freie Hand (sprich Abbruch) im Innern.“ (Aus: "Leipziger Blätter" Heft 21/1992)

Durch den heftigen Widerstand der Leipziger Bürgerschaft gelang es schließlich, diese Pläne zu stoppen. Im Ergebnis wurde eine Sanierungslösung umgesetzt, die dem bedeutenden Baudenkmal mit der Erhaltung der historischen Passagen und wichtiger historischer Baudetails besser gerecht wird. Den unfreiwillig auf die „neue Linie“ umgeschwenkten Projektentwicklern und Planern verhalf ihr Umdenken schlußendlich sogar zu einem internationalen Denkmalsanierungspreis.

"Keksrollen des Aufschwungs" (Aus der "Leipziger Volkszeitung" v. 14.06.1995) 

 

"Der Mangel an geeigneten Flächen führte zu einer Explosion der Mietpreise, die selbst die Spitzenmieten in den Bürometropolen Frankfurt und München in den Schatten stellten." (Aus: Müller Immobilien GmbH - Immobilienreport Neue Bundesländer Berlin Juni 1991)

Dr.-Ing. Frieder Hofmann 
gpfhofmann@parus-le.de    

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Aktualisierung: Februar 2026 

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