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50 Jahre Grünau 1976 - 2026 

1976 begann der Hochbau des bisher größten Leipziger Bauvorhabens, des neuen Wohngebiets Grünau. Von nun an erfolgte die volle Konzentration auf diesen neuen Stadtteil. Die weitere Gestaltung der Stadt war durch die Konzentration auf Grünau nachteilig betroffen. Die Kapazitäten für den Neubau sollten entsprechend den Zielsetzungen entwickelt werden. Die Entwicklung von Kapazitäten für die Modernisierung, Rekonstruktion, Instandsetzung und Reparatur der Altbauten erfolgten dagegen nicht in gleichem Maße, was zu einem verstärkten Verfall der Altbausubstanz führte. Damit wurde das früher formulierte Prinzip aufgegeben, die Stadt „von innen nach außen“ aufzubauen und zu gestalten. Der große Bedarf Leipzigs an neuen Wohnungen und entsprechenden gesellschaftlichen Einrichtungen ließ sich allerdings auf der "grünen Wiese“ schneller und mit weniger Aufwand als in der Innenstadt realisieren.“ 

(Hubert Schnabel, 1960-89 Wirtschaftssekretär der SED-Stadtleitung Leipzig (Aus: „Bauen in Leipzig 1945-1990 – Akteure und Zeitzeugen auf persönlichen Spuren Leipziger Baugeschichte“ S.80 / 
Hrsg. Joachim Tesch; Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2003) 

Kurze Geschichte des Stadtteils

Das Wohngebiet Leipzig-Grünau ist die größte Plattenbausiedlung in Sachsen und zählt neben Berlin-Marzahn und Halle-Neustadt zu den größten Plattenbausiedlungen der DDR. Grünau besteht aus acht Wohnkomplexen mit in der Wohnungsbauserie WBS 70 errichteten 6- und 11-geschossigen Plattenbauten sowie 16-geschossigen Punkthochhäusern des Erfurter Typs PH-16.
Ursprünglich mit 36.000 Wohnungen für 100.000 Einwohner konzipiert, beherbergte Grünau am Ende der 80er Jahre etwa 85.000 Einwohner. Trotz einer guten Infrastruktur schrumpfte die Bevölkerung nach 1990 rapide. Bis 2010 verlor Grünau mehr als die Hälfte seiner Einwohner. Mehrere tausend Wohnungen wurden abgerissen, darunter fast alle 11- und 16-geschossigen Bauten in den Wohnkomplexen außerhalb des Wohngebietszentrums (WK 5). Mit dem Verlust dieser für das Stadtbild wichtigen städtebaulichen Dominanten verlor Grünau auch seine charakteristische „Skyline“. Seit 2010 ist in Gesamt-Leipzig, so auch in Grünau ein neues Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. Heute wohnen in Grünau wieder etwa 50.000 Leipziger. War Grünau zu DDR-Zeiten ein junger und kinderreicher Stadtteil, so ist durch die zunehmende Überalterung und Ansiedlung einkommensschwacher Haushalte heute aber ein eher negativer Trend in der Alters- und Sozialstruktur festzustellen.

Demografische Entwicklung und Imageprobleme

(Von Prof. Alice Kahl, ab 1970 Dozentin für Soziologie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, seit 1976 Leiterin des stadtsoziologischen Forschungsprojektes zur Entwicklung der Lebensbedingungen im Neubaugebiet Leipzig-Grünau; aus: „Bauen in Leipzig von 1945-90“ S.353 ff.)

„Seit 1979 findet in Leipzig-Grünau eine soziologische Begleitforschung zum Wohnen im Neubaugebiet statt. Eine solche Begleitforschung, die mit gleicher Methodik und vergleichbaren Stichproben die Meinungen und Urteile der Bewohner des gleichen Wohngebietes sowohl vor als auch nach der gesellschaftspolitischen Wende über den Zeitraum von mehr als 20 Jahren erfasst, ist in Deutschland einmalig. 

Zu Imageproblemen von Großsiedlungen, insbesondere den Plattenbaugebieten in den östlichen Bundesländern, ist inzwischen viel geredet und geschrieben worden. Es lassen sich mühelos zahlreiche Beispiele anführen, wie die Großsiedlungen gleich nach der Wende – meist aus Unkenntnis über die Besonderheiten der DDR-Neubaugebiete – von außen negativ bewertet wurden, wie zum Beispiel in (1). 

Als dann die Förder- und Steuersparprogramme für den Wohnungsbau in den neuen Bundesländern anliefen, war das eine willkommene Gelegenheit für Immobilien- und Wohnungsbaufirmen, sowie für Privatanleger der alten Bundesländer, auf diesen Zug aufzuspringen und die „Platte“ im Interesse der eigenen Vermarktungschancen schlecht zu reden. Die Gegenstimmen, die sich Gehör verschaffen konnten, waren zunächst in der Minderheit, doch es dauerte nicht lange, bis die Grünauer selbst meist unbewusst zum Imageschaden ihres Wohngebiets beitrugen. 
Was sind es für Bilder, die sich die Fremden machten, die Grünau nicht kannten? Es ist zum einen das verzerrte Bild von Einförmigkeit, Grauheit und Langweiligkeit, es ist das Bild der Anonymität der Bewohner aufgrund der Einwohnerdichte, wie man sie aus westdeutschen Großstädten kennt, aber es ist vor allem das verschwommene Bild von den sozialen Abgründen, die in jedem Plattenbau vermutet werden. Den Ostdeutschen, die einmal so glücklich über ihre Grünauer Wohnung waren, wurde nun von Westdeutschen erklärt, was eine „soziale Adresse“ ist und dass „man“ besser nicht in der Platte wohnt, wenn „man etwas darstellen" will. Eine Wohnstil-Bewertung aus der Marktwirtschaftsgesellschaft Westdeutschlands wurde nun plötzlich den Bürgern der ehemaligen DDR übergestülpt. Dabei hatten sowohl die Überstülper als auch die Überstülpten vergessen oder gar nicht gewusst, dass die Plattensiedlungen in der DDR eben keine Wohngebiete für „Niedrigverdiener“ waren. In Grünau wohnte der soziale Durchschnitt der Leipziger Stadtbevölkerung, weder die wirklich Armen (die es hierzulande natürlich auch gab) noch die für DDR-Verhältnisse Reichen, wie z.B. Spitzensportler, Handwerker oder Chefärzte.

Die Miete war etwas höher als im Altbau, aber dennoch preisgünstiger als im Altbau, weil mit dem Preis von 0,80 bis 1,20 Mark der DDR pro Quadratmeter alle Nebenkosten, wie Heizung und Warmwasser abgegolten waren.
Natürlich gab es auch zu DDR-Zeiten negative Vokabeln für das Wohnen in Grünau – wie „Schlammhausen“ aufgrund jahrelanger Probleme mit dem Straßen- und Wegebau oder „Arbeiterschließfächer“ aufgrund der geringeren Wohnfläche als im städtischen Altbau. Doch die Wohnung selbst hatte immer einen hohen Stellenwert, bot sie doch Komfort in einer Weise, der sich vom Durchschnittswohnen in Leipzig spürbar abhob.“

(1) „Die „Platte“ verschandelt nicht nur die Innenstadt, schafft nicht nur öde Vorstädte auf der grünen Wiese wie Grünau, sie repräsentiert auch eine Logik der Stadtvernichtung, ist in den Augen vieler Teilnehmer nachgerade die Hauptverantwortliche für die Ausreisewelle.“ (Aus: „Uns geplageten und durch die Pest geschwächten Leipzigern“ - Bericht der TAZ v. 18.01.1990 zur Leipziger „1.Volksbaukonferenz“ Januar 1990)

"Auch wenn man in der DDR nicht immer gleich eine Wohnung zugewiesen bekam, die den eigenen Wünschen und Vorstellungen entsprach. Aber man bekam eine, und sie war bezahlbar. In der DDR wurde kein Mensch auf die Straße gesetzt, nur weil sie oder er ihre bzw. seine Miete nicht rechtzeitig oder gar nicht bezahlt hatte. Es gab keine Obdach- und Wohnungslosen, wie man sie heute in der BRD, besonders in den Großstädten, sehen kann. Im Unterschied zur BRD gab es in der DDR ein Recht auf angemessenen Wohnraum. Mit Wohnungen wurden keine Profite gemacht."

Aus einem Leserbrief zum Beitrag "Profiteuren Wohnraum entziehen" in der "Jungen Welt" vom 15.04.2026

Dr.-Ing. Frieder Hofmann 
gpfhofmann@parus-le.de    

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Aktualisierung: April 2026 

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