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"Diese Gegend kann ich nicht empfehlen" 
-Unser Umzug nach Grünau

Aus: Frieder Hofmann „Die Besten in den Osten“ / Erinnerungen und Anekdoten 2014

1982 sind wir mit unserer 4-köpfigen Familie aus Greifswald nach Leipzig umgezogen. Unser neuer Arbeitgeber, der VEB Baukombinat Leipzig, hatte uns eine Neubauwohnung der AWG „Alfred Frank“ im Wohnkomplex 7 in Grünau vermittelt. Die Bauten, für die das Kombinat verantwortlich war, besaßen in der Architekturlandschaft der DDR keinen herausragenden Ruf. Grünau, das zu den größten Neubaugebieten der Republik gehörte, war mir deshalb nur dem Namen nach bekannt. Als ich am Tag nach meinem Vorstellungsgespräch mit einem meiner Gastgeber durch Grünau fuhr, war ich jedenfalls nicht sonderlich beeindruckt. Als mir mein Begleiter die Baustelle des zukünftigen Wohnkomplexes 7 (hinter der sowjetischen Kaserne) zeigte, sagte er mir: Wenn Sie wirklich nach Leipzig ziehen sollten - diese Wohngegend kann ich Ihnen nicht empfehlen. Zu diesem Zeitpunkt war es jedoch noch nicht absehbar, dass wir ein halbes Jahr später genau in diesem Viertel einziehen sollten.  

Wie damals in allen Neubauvierteln der DDR üblich wurden auch in Grünau bezugsfertige Wohnhäuser noch ohne die erforderlichen Straßen und Grünanlagen übergeben. Als wir im Mai 1982 mit unserem Möbelwagen vor dem Haus hielten, um unseren Hausrat zu entladen, drohte uns die Baustellenleitung sofort mit einer Anzeige wegen „Baubehinderung“, weil der Taurusweg noch eine Baustraße war. Und wie wir erlebten, wurden andere Neumieter unseres Viertels auf ebensolche drastische Weise „abgestraft“. So hatte einer unserer Nachbarn sein Auto wegen fehlender Parkplätze auf der Baustraße abgestellt. Als er wieder aus dem Haus trat, musste er feststellen, dass man seinen „Trabi“ mit einem Kran auf das Dach eines Baustellencontainers gehoben hatte. Erst nach heftiger Diskussion einigte sich der Mann mit den Bauleuten und bezahlte einen Kasten Bier, um sein Auto wieder auf die Straße gestellt zu bekommen.

Auch wir hatten ein echtes Problem, denn wir mussten feststellen, dass unser Treppenaufgang noch nicht an das Wasserleitungsnetz angeschlossen war. Am Ende der Baustraße gab es zwar einen Bauwasser-Anschluss, doch für eine Familie mit zwei kleinen Kindern war das natürlich keine Lösung. Also entließen wir unsere Umzugs-Helfer und machten uns - die Kinder in Gummistiefeln (damals zwei und fünf Jahre alt) auf den Weg zur Stadt zu unserem neuen Arbeitgeber. Dort wurden wir uns schnell einig, daß an einen Bezug unserer Wohnung oder einen Arbeitsbeginn unter diesen Bedingungen nicht zu denken war. Also schickten wir die Kinder zu den Großeltern in die Sommerfrische und bezogen ein Zimmer in einem Bauarbeiterwohnheim in Leipzig-Schönefeld. 
Das Weihnachtsfest 1982 feierten wir dann aber schon mit der kompletten Familie in unserer Grünauer Wohnung, die zwar nur teilweise möbliert war, aber immerhin über fließendes Wasser, einen Weihnachtsbaum und für die Kinder einen Abenteuerspielplatz vorm Haus mit Dreckzulage verfügte. Denn bis der WK 7 feste Straßen und einen Anschluss an das Straßenbahnnetz bekam, sollten noch mehr als zwei Jahre vergehen, so dass wir für die Fahrt zu unserer Arbeitsstelle im Stadtzentrum die Regionalbahn aus dem nahen Miltitz benutzen mussten. 
In den Vorortzügen waren die Grünauer deshalb an den Plastiktüten zu erkennen, in denen sie die Gummistiefel aufbewahrten, die sie auf dem Miltitzer Bahnsteig gegen ihre Straßenschuhe getauscht hatten.

Nicht nur für unsere Kinder bot das Wohnen in Grünau mehrere Vorteile. Es gab einen grünen, verkehrsfreien Innenhof. Kita und Schule waren zu Fuß und gefahrlos, weil ebenfalls autofrei zu erreichen. Kaufhalle und Ambulanz lagen so wie der Kulkwitzer See in greifbarer Nähe – alles Vorzüge, die auch die heutigen Bewohner von Grünau zu schätzen wissen. Und - wir hatten freundliche und zumeist gleichaltrige Nachbarn.

Der Grünauer WK 7 im Jahr 1982 - die Hochhäuser im Bild-Hintergrund wurden 2005 ersatzlos abgerissen

Grünau -Taurusweg - Blick aus unserem Hauseingang
(Foto 1982)

Dr.-Ing. Frieder Hofmann 
gpfhofmann@parus-le.de    

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Aktualisierung: April 2026 

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