Darfs auch ein Segment mehr sein

  FRIEDER HOFMANN I POSITIONEN I PUBLIKATIONEN I PROJEKTE

Darfs auch ein Segment mehr sein?

Im Januar 1984 veröffentlichte "bim", das kleine aber feine Informationsblatt der Cottbusser Architekten, einen Beitrag zum industriellen Bauen unter dem Titel „Darfs vielleicht ein Segment mehr sein?" Trotz der für ungeübte Ohren fremden DDR-Sprachbegriffe (Erzeugnisse, EDV, Projektierungsbetrieb u.ä.) ist der Inhalt des Beitrags auch heute noch von Interesse, weil er die möglichen Tendenzen zur Individualisierung von Fertigteil-Typenbauten anspricht, die mit der Existenz moderner Computertechnik auch heute noch wirtschaftlich aktuell sein können. 
Der im Beitrag erwähnte Hinweis auf die Kompatibilität digitalisierter Bauplanung mit ähnlichen Entwicklungen in anderen Branchen ist so natürlich nur in zentralisierten Wirtschaftssystemen vorstellbar. Der Grundgedanke stammt aus dem Buch „High-Tech im Land der Samurai“ (Verlag Neues Leben Berlin 1988). Er bezieht sich auf die zum damaligen Zeitpunkt bereits in der japanischen Autoindustrie praktizierten Verfahren der in der DDR unbekannten Bauteil-Standardisierung (standardisierte Grundrastermaße, Fugen und Verbindungsteile mit freier Wahl des Bauteildesigns im Rahmen eines Baukastens). Für die Automobilproduktion in der DDR war das ganz sicher nicht anwendbar (oder nicht gewünscht), eine Verknüpfung mit dem DDR-Maschinenbau schien jedoch naheliegend und realistisch.

Für den Fertigteil-BAU gab und gibt es allerdings eine Besonderheit, denn anders als im Maschinenbau findet die Montage des Endproduktes „Haus“ unter freiem Himmel und auf wechselnden Baustellen statt. Die Bauteile, im konkreten Fall die „Platten“, müssen aber sowohl bauteil- als auch termingerecht transportiert werden, um eine Montage „just in time“ zu garantieren. Für die WBS 70-Bauteile mit ihrem Gewicht von 6,3Mp waren dafür schwere Transportmittel und Hebezeuge erforderlich. Vom Leipziger Baukombinat wurde dieses Logistik-Problem durch den Transport per Bahn gelöst, bei dem die Platten auf Paletten von einem Verladeterminal im Plattenwerk Leipzig bis zu einem Zielbahnhof "X" geliefert wurden. Von dort aus erfolgte dann die direkte Belieferung der jeweiligen Baustelle per Tieflader. Dank des in der DDR sehr dichten Schienennetzes der "Deutschen Reichsbahn" war eine Zulieferung auch auf Baustellen in kleinere Orte (mit Bahnanschluß) möglich. Es versteht sich, dass eine solche sensible und aufwändige Transporttechnologie über die Qualität des Endproduktes „Haus“ mitentschied.

In Cottbusser Fachkreisen wurde mein Artikel mit Interesse gelesen, wohl auch deshalb, weil sich offizielle Stellen bisher (WBS70 forever - oder was?) kaum Gedanken zur Zukunft der DDR-Bautechnologie gemacht hatten. 

Titelblatt BIM 1/1984 (Zeichnung: Hansgeorg Richter)

"DARFS AUCH EIN SEGMENT*) MEHR SEIN?!*(Begriffserklärungen am Schluss des Beitrages

Seit Beginn der Block- und Plattenbauära in der DDR lautet so das verbindliche Angebot der Wohnungsbaukombinate an die Städteplaner und den gesellschaftlichen Auftraggeber. Festgeschrieben wird damit der Einsatz der Projektierung von Gebäudeteilen, einer hocheffektiven Projektierungs- und Montagetechnologie, die sich bereits lange Jahre bei der Realisierung unseres Wohnungsbauprogramms bewährt hat.
Warum nun also der Abschied von einer guten alten Bekannten, die den Baukombinaten lange Jahre eine hohe Produktivität sichern half? Wozu die landesweit wachsende Forderung der Stadtplanung und der WBK-Architekten nach kürzeren Blöcken, kleinteiligeren Bebauungsstrukturen und nach einer Segmentprojektierung?
Die Antwort auf diese Fragen fällt leichter, wenn man von den kommenden Bauaufgaben der 80er und 90er Jahre ausgeht. Denn da steht außer Zweifel, dass das Bauen unter schwierigeren und vielfältigeren Standortbedingungen, besonders auf innerstädtischen Standorten, eine Erhöhung der städtebaulichen Vielfalt und Variabilität der Erzeugnisse erforderlich macht.
Auch die Forderung nach weiterer Verdichtung extensiver Neubaugebiete kann kaum mehr durch die Anwendung der bisher üblichen starren Gebäudeteile erfüllt werden. 

Bald ein Kinderspiel: Bauen mit URB 85


Diese Probleme betreffen aber auch den Gesellschaftsbau, der sich auf die Entwicklung und Bau vielseitig anpassbarer und integrierbarer Baukastenlösungen, wie Funktionsan- und -unterlagerungen einstellen muss. Der Versuch, unter diesen für das Bauen qualitativ neuen Bedingungen eine Gebäudeteilprojektierung aufrecht zu erhalten, hätte nicht nur eine wesentliche Erhöhung des Gebäudeteilsortiments, sondern auch geringe Losgrößen in der Anwendung dieser Gebäudeteile zur Folge. Für die Bauvorbereitung würde so ein Aufwand-Nutzen-Verhältnis entstehen, das die Gebäudeteilprojektierung in Frage stellt, deren Effektivität sich nur auf der Massenproduktion einer kleinen Auswahl einzelner Blockprojekte mit minimalem Aufwand für die entsprechenden „Örtlichen Anpassungen“ begründet. 

Ein Übergang zur Segmentprojektierung erscheint deshalb allein aus zwei Gründen empfehlenswert:
Erstens verbessert sich (vom Städtebau angestrebt) die Längenanpassung der Gebäude. Auf extensiven Standorten lässt sich so bei frei wählbarer Struktur der Bebauung eine bessere Baulandausnutzung erzielen. Innerstädtisch wird dagegen die Bebauung einzelner Flächen überhaupt erst möglich. Darüber hinaus wird (wie es die Rostocker Neubaugebiete belegen) das städtebaulich-architektonische Gesamtbild der Bebauung entscheidend verbessert.

 

Darfs auch ein Segment mehr sein? 

Nun ist es viel weniger der Nutzen, um den man bei der Segmentprojektierung streitet, sondern ihr Preis, der im Vergleich zur Gebäudeteilprojektierung in einem erhöhten Aufwand für die Projektierung und Vorbereitung der jeweiligen Standort-Anpassungen besteht.
Konkret geht es dabei um die Unterstützung mit der EDV, für die es zwar – und nicht nur im Bauwesen – zwar schon eine Vielzahl praktischer Erfahrungen gibt, für die die meisten unserer Baukombinate weder über theoretische Grundlagen noch die erforderlichen materiell-technischen Voraussetzungen verfügen.
Wie internationale Standards zeigen, ist durch den Einsatz der Rechentechnik auch im Bauwesen vieles möglich. Eine Vorführung auf der BRD-Ausstellung „stadtpark-parkstadt“ lässt ahnen, was EDV leisten kann, wenn man sie im Rahmen zentraler staatlicher Planung für das industrielle Bauen arbeiten lässt.
In der Sowjetunion werden derzeit EDV-Systeme erprobt und angewandt (u.a. in Leningrad und Kiew), die es ermöglichen, Probleme in der Stadtplanung, der standortgerechten Objektplanung, der Vorbereitung und beim Bau in hoher Produktivität und guter Qualität zu lösen. Für uns wird das in absehbarer Zeit kaum möglich sein, weil wir mit unseren (z.B. im Vergleich zur UdSSR) kleinen Bauvorhaben eine langfristige Auslastung solcher Anlagen garantieren können.

Stadtplanung "von oben"

Interessant wäre deshalb der Gedanke, die EDV-Systeme des Bauwesens auf der Basis langfristiger Pläne gemeinsam mit anderen (technologisch analog strukturierten) Industrie-Branchen (evtl. dem Maschinenbau) zu entwickeln und zu betreiben. Überlegungen in diese Richtung erscheinen heute umso dringlicher, weil die Entwicklung nicht stehen bleibt und schon jetzt Wünsche zur Differenzierung baulicher Lösungen und Details (Funktions-Varianten von Keller- und Erdgeschossen, architektonisch differenzierte Außenwand- und Dachlösungen) im Raum stehen. Das zeigt, welches weite Feld zukünftig zu bestellen ist ... und es ist aus meiner Sicht unverständlich, warum zentrale Forschungsinstitute das Thema mit ihrem großen Potenzial zur Auswertung internationaler Entwicklungstrends bisher noch nicht auf ihre Tagesordnung gesetzt haben ...

(Frieder Hofmann 1984 / leicht gekürzt)

BEGRIFFSERKLÄRUNGEN
Projektierung = Bauplanung
EDV = Elektronische Datenverarbeitung (der Begriff CAD/CAM war im DDR-Bauwesen zu Beginn der 80er nur theoretisch in Gebrauch)
Segment = hier: Funktionseinheit im Wohnungsbau, mit 2- bis maximal 4-spännigem Grundriß, i.d.R. 5 bis 6 Geschossen, auch vielgeschossig
Gebäudeteil (umgangssprachlich: Block) = Funktionseinheit im Wohnungsbau aus i.d.R. vier zusammenhängenden Einzel-Segmenten
Örtliche Anpassung = Standortbedingte Veränderung am Typenprojekt

Dr.-Ing. Frieder Hofmann 
gpfhofmann@parus-le.de    

© Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.
Aktualisierung: August 2026 

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