Erinnerungen an die Zukunft -
die Experimentalbauten in der Kolonnadenstraße
Als ich 1982 meine Stelle als Chefingenieur Entwurf im VEB Baukombinat Leipzig antrat, stand das Kombinat vor großen Herausforderungen. Mit seiner Jahresproduktion von etwa 6.300 Neubau-Wohnungen (zuzüglich der in der DDR zur Grundausstattung der Wohnanlagen zählenden Gemeinschaftseinrichtungen) galt das BKL als eines der größten Baukombinate der DDR. Das Produktionsprogramm umfasste neben der auf ein funktionales und technisches Minimum herunter “rationalisierten“ Typenserie WBS 70 (6- und 11geschossig) den Lizenzbau eines 16-geschossigen Erfurter Wohnhochhauses, eine kombinatseigene Typenreihe für Gemeinschaftseinrichtungen des „Komplexen Wohnungsbaus“ (Schulen, Kitas, Sporthallen, Altenpflegeheime, Läden und Kaufhallen).
Mit diesem Erzeugnissortiment ausschließlich für das Bauen auf der "Grünen Wiese" orientiert, hatte Leipzig die dringenden Anforderungen der Innenstadtsanierung verpasst. Der neue Chefarchitekt Leipzigs Dietmar Fischer hat die Frage zur späteren Anwendung der Plattenbautechnologie (am Dorotheenplatz) in Zusammenarbeit mit dem Baukombinat wie folgt beantwortet: "Diese Qualität ist zehn Jahre früher in Greifswald längst gebaut worden." (Aus: Bartetzky Karpf Paulsen "Architektur und Städtebau in der DDR" DOM Publishers 2022 S.72).
Vor dem Hintergrund meiner Greifswalder Erfahrungen hatte man mich nicht nur als "Kadernachwuchs", sondern als Fachmann für Stadtsanierung engagiert (https://www.parus-le.de/das-greifswalder-experiment-1). Als man das Baukombinat Leipzig 1982 mit drei weiteren Baukombinaten mit einer Aufgabe aus dem Staatsplan „Wissenschaft und Technik“ betraute, erhielt ich den Auftrag, das „Experimentalvorhaben Leipzig-Kolonnadenstraße“ zu leiten.
Der politische Hintergrund dieses Vorhabens war unstrittig. Angesichts verfallender Innenstädte musste zwingend, viel mehr noch als in Zeiten des Greifswalder Experiments, ein Übergang zum innerstädtischen Bauen vollzogen werden. Im Hinblick auf die schwerfällige technische Basis der auf die Massenproduktion ausgerichteten WBS 70-Plattenwerke war es allerdings unklar, wie dieser Prozess vonstatten gehen sollte. Das Greifswalder Experiment war zwar gelungen, was mir die Leute vom BKL bestätigt hatten, die ich in Greifswald durch das Sanierungsgebiet geführt hatte. Für eine Breitenanwendung ließ sich diese Lösung jedoch nur bedingt anwenden.
In Leipzig war der Verfall der Gründerzeitviertel aus mehreren Gründen besonders gravierend. Gemeinsam mit den Wohnungsbaukombinaten in Berlin, Erfurt und Karl-Marx-Stadt und unter der konsultativen Mitwirkung des Instituts für Wohnungs- und Gesellschaftsbau der DDR-Bauakademie erhielt deshalb auch das BKL den Auftrag, (wie man heute sagen würde) nachhaltige Musterlösungen zur Innenstadtsanierung in der DDR zu entwickeln. Schon vor dem Start des Vorhabens war es den Beteiligten klar, dass es dabei nicht nur bei der Wiederbebauung der Kolonnadenstraße bleiben durfte. Ziel musste die städtebauliche Sanierung der gesamten Leipziger Inneren Westvorstadt einschließlich des Dorotheenplatzes sein. Nicht einig waren wir uns aber, mit welchen Mitteln das zu geschehen hatte, gab es 1982 in Leipzig doch nur die WBS 70 in ihrer 2. Rationalisierungsetappe, die schon an den städtebaulichen Anforderungen auf der „Grünen Wiese“ gescheitert war.
Entgegen anderslautender Behauptungen war es nie beabsichtigt, den Experimentalbau seriell als Gebäudetyp weiterzuverwenden. Wie auch – unsere damalige Planung basierte auf den konkreten örtlichen Bedingungen der Kolonnadenstraße. Die experimentell zu erprobenden Bauteillösungen sahen wir als eine von vielen möglichen Antworten des Fertigteilbaus auf die Vorgaben der gründerzeitlichen Fassaden der Nachbargebäude. Darüber hinaus gab es kaum vorlaufende Untersuchungen über die vielfältigen Anforderungen an Ersatzneubauten in den anderen Sanierungsgebieten der Stadt. Außerdem erwies sich der Exbau – fast erwartungsgemäß bei solchen Vorhaben – für die Serienanwendung als zu teuer. Dass das Projekt 1986 dann aus Prestige-Gründen nach Berlin „verkauft“ wurde, ist darin begründet, dass es einige Spitzenpolitiker der Messestadt nicht lassen konnten, der DDR-Führung zur 750-Jahr-Feier der Hauptstadt „das Beste zu liefern, was das Leipzigs Bauwesen (zu diesem Zeitpunkt) anzubieten“ hatte. Mit dem „Experiment Kolonnadenstraße“ begann aber ein Umdenken im BKL und den übergeordneten Organen, was schließlich auch die Umstellung der Produktion auf breitere und individuellere Anforderungen für das Bauen auf innerstädtischen Standorten zur Folge hatte. Mit Einführung der Baureihe 87 wurde dem zumindest teilweise, jedoch viel zu spät entsprochen.
Die Entwicklung und Realisierung der Leipziger Experimentalbauten ist in der DDR-Fachpresse breit publiziert und diskutiert worden. Ein damals entstandenes Schaubild zeigt anschaulich, wie die Einzelteile des Vorhabens im Rahmen eines Baukastens kombiniert werden können. Es gelang später zwar nicht, alle dargestellten Lösungen seriell wiederzuverwenden, prinzipiell aber blieb der Baukastengedanke als Grundlage für die Folgeentwicklung des Leipziger Wohnungsbaus erhalten. Doch auch unter heutigen Bedingungen ist der Versuch noch interessant, mit einer neuen Konstruktion von Außenwand-Fertigteilen die Wärmedämmung von Gebäuden zu verbessern.
Technische Besonderheit dieser Platte war die Hinterlüftung der Wetterschale, die dem Gebäude im Vergleich zu den üblichen WBS 70-Platten etwa 30% Wärmeenergie einsparen helfen sollte. Dieser rechnerische Wert wurde nach Messungen der Hochschule am fertigen Gebäude tatsächlich erreicht. Die Bauteillösung erhielt mehrere DDR-Patente, gelangte aber leider nie zur Serienreife.
Dennoch konnte die weitere Entwicklung des Bauens in Leipzig von solchen Experimenten mehrfach profitieren. Erstens vergrößerte sich das Potenzial an technischen Mitteln, um sich individuell auf die späteren Anforderungen im innerstädtischen Neubau einstellen zu können. Strategisch sah ich uns damit auf einem guten Weg, die auf uns zukommende Aufgaben erfolgreich zu meistern, zumal das Kombinat dazu übergegangen war, die traditionellen Bauleistungen auf seinen Baustellen nicht mehr nur durch Subunternehmen, sondern durch eigene Kräfte der BKL-Taktstraßen ausführen zu lassen. Auch das Bauprogramm in Berlin verschaffte dem BKL materielle Vorteile: Nur für den im Bezirk Leipzig anfallenden Baubedarf wären dem Kombinat "von oben" kaum neue Transportmittel, Formen und Hebezeuge bewilligt worden.
Darüber hinaus gelang es, Architekten und Bauleute besser auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten. Durch den massenhaften Typenplattenbau hatten es sowohl Planer als auch Bauleute fast schon verlernt, individuell zu planen und traditionell zu bauen. "Klassische" Fertigkeiten waren nicht mehr gefragt und wurden auch nur noch vereinzelt gelehrt, was sich u.a. in veränderten Berufsbezeichnungen – „Projektingenieur“, „Betonfacharbeiter“ - bemerkbar machte. Mit dem Beginn des innerstädtischen Bauens begann deshalb für viele, besonders auch für die jungen Kollegen, ein Prozess des Umdenkens, der Weiterbildung und des Wiederentdeckens.
Diese Aufbruchssituation wird sehr anschaulich in einem Pressebeitrag wiedergegeben, der (leider erst) 1989 in einer Moskauer Fachzeitschrift erschienen ist (https://www.parus-le.de/ruckkehr-ins-zentrum).
Die Außenwand der Experimentalbauten hat eine besondere Geschichte, die mit der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit des BKL und der (damaligen) Bau-Fachhochschule Cottbus verbunden ist. 1982 war das BKL technisch noch nicht in der Lage, solche Fertigteile selbst herzustellen. Cottbus dagegen verfügte nicht nur über die Forschungskapazität, sondern auch über ein Technikum für die experimentelle Produktion solcher Fertigteile, was eine Zusammenarbeit nahe legte.
Bei der Herstellung der Fassadenteile der Exbauten griff man in Cottbus nun nicht mehr auf Stahlformen, sondern auf Betonmatrizen zurück. International war dieses Verfahren längst üblich und wurde in Frankreich zum Beispiel von Architekten wie Bovill als Gestaltungsmittel eingesetzt. Betonmatrizen waren billig, verzogen sich nicht und erlaubten die Herstellung beliebiger, auch komplizierter Architekturformen in kleinen Losgrößen. Allein deshalb war es naheliegend, kostengünstig individuelle Fassadenteile in kleinen Serien herzustellen, was uns als Weg in die Zukunft der Fertigteilherstellung erschien. Auch in Berlin hatte man für die Neubauten am Gendarmenmarkt nach dem gleichen Verfahren hergestellte Fassadenteile eingesetzt. Als Vordenker dieses Betonwerksteinbaus gilt Dipl.-Ing. Dieter Lätzsch, der aus Delitzsch zur Baudirektion nach Berlin umgezogen war und uns kollegial mit einigen Besonderheiten dieser neuen Technologie vertraut machte.
Natürlich steckt auch hier der Teufel im Detail, und es ist der Hartnäckigkeit und fachlichen Klasse engagierter BKL-Mitarbeiter in Vorfertigung und Lehrausbildung zu verdanken, dass in einer kleinen Sonderfertigungshalle bald nicht nur plastische Fassadenteile für den Leipziger Beitrag zur Berliner 750-Jahrfeier, sondern auch noch mehrschalige Strukturplatten für die Neubauten im Leipziger Stadtzentrum gegossen werden konnten. Bei der Liquidation des Baukombinates 1990 ist diese kleine aber feine Produktionswerkstätte leider abgerissen worden.
Mit dem Verriss der Platte durch die Westmedien nach der "Wende" und dem Sieg der Vollwärmeschutz-Mafia waren solche Erfahrungen nicht mehr gefragt. Heute dominieren bunte Putzfassaden das Stadtbild, die sich nach nur wenigen Jahren Standzeit in unansehnliche Schmutzoberflächen ohne jede Dämmwirkung verwandeln.