Der Leipziger "Bau-Turbo" 1985-90
Wie die meisten Wohnungsbaukombinate der DDR verfügte auch der VEB Baukombinat Leipzig zu Beginn der 80er Jahre über ein durch technische und technologische Einsparungen stark reduziertes Erzeugnissortiment der WBS 70, das durch große Gebäudelängen und Substituierung fast aller architektonischer Details nur auf der "Grünen Wiese" anwendbar war (Einführung dieser 2. Ratioetappe der WBS 70 im Wohnkomplex 8 von Leipzig-Grünau). Um die Möglichkeiten für das innerstädtische Bauen in Leipzig und den Städten des Bezirkes schaffen zu können, musste deshalb im Rekordtempo eine neue Wohnungsbaureihe 87 entwickelt werden, mit der in den Jahren 1985 - 90 schließlich fast 20.000 Wohnungen (5.600 davon innerstädtisch) neu gebaut wurden, so dass man einschließlich weiterer 20.150 modernisierter Wohnungen durchaus von einem „Bauturbo“ sprechen kann (Angaben aus: "Bauen in Leipzig 1945-1990" S. 265ff. / Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V. 2003).
Trotz aller Anstrengungen kam dieser Wohnungsbau-Boom für Leipzig aber mindestens 10 Jahre zu spät. Leider verging bis zum Produktionsstart der WBR 87 wertvolle Zeit, so dass das Kreuzstraßenviertel und das neue (und auch letzte) Neubau-Wohngebiet „Heiterblick“ im Leipziger Osten noch mit der alten WBS 70 begonnen werden mussten. Darüber hinaus fehlten der Stadt und dem Kombinat Fachkräfte und Baustoffe, die 1985-86 für die Bauvorhaben zur 750-Jahrfeier in Berlin abgezogen worden waren - Ressourcen, die man viel dringender für die Lösung der in Leipzig anstehenden Bauaufgaben gebraucht hätte. So wurde der Grundstein am „Heiterblick“ erst 1987 gelegt, dann folgten innerstädtische Bauvorhaben in Volkmarsdorf, im Seeburgviertel und am Thonberg.
Der Dorotheenplatz konnte komplett 1988 fertiggestellt werden und als im Oktober 1988 die 6. ECE-Konferenz der UNESCO für Städtebau in Leipzig tagte, erhielten wir manches Lob und viele Anregungen für unsere Ergebnisse beim Bauen in der Inneren Westvorstadt.1989 konnten die ersten Wohnungen am Nikischplatz übergeben werden und im Stadtzentrum lief die Vorbereitung für die Neubauten Ritterstraße 12 und Nikolaistraße 11-16 und 31.
Dass es unter den damaligen Bedingungen dem Baukombinat mit seinen Partnern in nur sieben Jahren gelang, sein Wohnungsbausortiment komplett zu erneuern, neue Gebäudelösungen im Gesellschaftsbau zu entwickeln und der Inneren Westvorstadt ein neues, architektonisch attraktives Gesicht zu geben, halte ich auch aus heutiger Sicht (trotz vieler Qualitätsdefizite) für eine hervorragende Leistung.
"Leipziger Volkszeitung" - Interview vom 1984
WBR 87 - Eckbaukasten / Varianten Übersichtszeichnung 1986
WBR 87 - Loggiabaukasten / Anwendungsbeispiele 1986
Leipzig - Dorotheenplatz (1986-88)
WBS 70-12000 modifiziert
Architekten: W. Fischer, D. Matthes, Th. Neudert
Leipzig - Innere Westvorstadt: Nikischplatz mit WBR 87 modifiziert (1988-90) Architektin: Ch. Hofmann
Entwurf des "Berliner" Erkers:
W. Schreiner
Leipzig - Innere Westvorstadt / Eckbebauung M.-Beckmann-Straße - Reichelstraße mit Dachbaukasten
WBR 87 / Architekt: W. Weber
Leipzig - Volkmarsdorf / Zollikofer Straße mit WBR 87 (1988)
Architektin: Chr. Domke
Leipzig - Thonberg / Oswaldstraße
mit WBR 87 (1989)
Architekt: R. Gillner
Leipzig -Seeburgviertel / Nürnberger Straße mit WBR 87 (1990)
Architekt: Th. Plietzsch
Leipzig-Neuschönefeld /Kreuzstraße mit WBR 87 (1986-88)
Döbeln-Fronstraße: Erstanwendung der "kleinen" WBS 70 - 36kn (1987)
Architektin: A. Klingenberger
Leipzig - Paunsdorf: Erstobjekt der
WBR 87 (in Original-Farbgestaltung)
Architekten: W. Scheibe / H. Berger